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Dank großzügiger Unterstützung privater Sponsor:innen und der Internationalen Salzburg Association konnte das Literaturarchiv Salzburg im November 2023 beim Londoner Auktionshaus Christie’s 47 Briefe und Postkarten Stefan Zweigs an Sigmund Freud sowie einen Brief Zweigs an Anna Freud ankaufen. Damit ist eine weitere bedeutende Neuerwerbung gelungen, die zahlreiche Verbindungen zu bereits vorhandenen Dokumenten aufweist. Die Briefe wurden zwischen 1920 und 1939 geschrieben und dokumentieren folglich einen langen Zeitraum der Bekanntschaft Zweigs und Freuds, die bis in das Jahr 1908 zurückreicht. Damals hatte sich Zweig mit der Übersendung eines seiner Bücher bei Freud vorgestellt, für das sich Freud wiederum mit einem Brief bedankte. Während Freuds Schreiben bis zum Jahr 1932 von Zweig bei der Auflösung seines Salzburger Haushalts an die Vorgängerinstitution der heutigen National Library of Israel in Jerusalem gegeben wurden, sind die nun vom Literaturarchiv erworbenen Briefe Zweigs an Freud zuletzt im Juni 1989 ebenfalls bei Christie’s in London versteigert worden. Die nach 1932 geschriebenen Briefe Freuds dagegen wurden im Mai 2015 in mehreren Losen bei Sotheby’s in London angeboten und gelangten wahrscheinlich an unterschiedliche Besitzer:innen. Abschriften von Freuds Briefen und Originale von Schreiben Zweigs an Freuds Frau Martha und seine Tochter Anna befinden sich heute in der Library of Congress in Washington, D.C.

Sigmund Freud war 25 Jahre älter als Stefan Zweig und zählte damit zu einer ganzen Reihe von arrivierten Persönlichkeiten, die Zweigs Werdegang als Schriftsteller erheblich beeinflussten. Neben Freud wären hier unter anderem Arthur Schnitzler, Ellen Key und Émile Verhaeren zu nennen. In späteren Jahren bezog sich Zweig immer wieder auf Freuds Werk, wenn er über seine eigene Arbeit sprach. Dabei hatte er sich keineswegs eingehender mit Freuds wissenschaftlicher Methodik oder mit den Details der Psychoanalyse beschäftigt, vielmehr lag Freuds Bedeutung für Zweig in der Offenheit, psychische Konflikte und Probleme überhaupt zu benennen und sie auch außerhalb von Fachkreisen zu thematisieren.

Nach der ersten Kontaktaufnahme versorgte Zweig Freud regelmäßig mit Neuerscheinungen seiner Werke, von denen einige Bände mit handschriftlichen Widmungen in Freuds Nachlass erhalten geblieben sind. Während Zweig sich in späteren Jahren mehrmals öffentlich über Freud äußerte, hielt sich Freud in dieser Hinsicht zurück. Allerdings erschien bereits im ersten Jahrgang der von ihm 1912 begründeten und herausgegebenen Zeitschrift Imago eine enthusiastische Besprechung von Zweigs Novellenband Erstes Erlebnis durch den Psychoanalytiker Theodor Reik.

Auch als sich Zweig nach dem Ersten Weltkrieg in Salzburg niedergelassen hatte, riss der Kontakt zu Freud in Wien nicht ab. Weiterhin schickte er ihm seine neuesten Werke und erhielt Antwortschreiben, die Freuds eingehende Beschäftigung mit jedem der Texte dokumentieren. So bedankte er sich im Oktober 1920 für den Band Drei Meister und lobte ausdrücklich die darin enthaltenen Essays über Honoré de Balzac und Charles Dickens , zeigte sich allerdings mit Zweigs Deutung Fjodor Dostojewskis nicht einverstanden.

Neben dem brieflichen Austausch kam es immer wieder zu Besuchen Zweigs in Freuds Wiener Wohnung in der Berggasse, zu denen er gelegentlich Gäste mitbrachte, um sie mit Freud bekanntzumachen. So begleitete ihn im Mai 1924 sein langjähriger Freund Romain Rolland und im Juni 1933 arrangierte Zweig ein Treffen Freuds mit H. G. Wells.

Über die Jahre lässt sich die gegenseitige Wertschätzung auch an persönlichen Geschenken und öffentlichen Zeichen ablesen. Den 1925 erschienenen Band Der Kampf mit dem Dämon: Hölderlin - Kleist - Nietzsche ließ Zweig mit einer gedruckten Widmung für Freud versehen. Und schon im Vorjahr hatte Freud ihm das neunseitige Manuskript seines Vortrags Der Dichter und das Phantasieren für seine Autographensammlung geschenkt. Zweigs Versuch, seinen Verleger Anton Kippenberg davon zu überzeugen, einige kürzere Beiträge Freuds in einen Band der Insel-Bücherei aufzunehmen, war dagegen nicht erfolgreich. Möglicherweise hatte Zweig mit diesem 1925 gemachten Vorschlag auf den 70. Geburtstag Freuds im kommenden Jahr abgezielt, für den er schließlich den Beitrag Der Vater der Psychoanalyse: Prof. Freud zu seinem 70. Geburtstag verfasste, der in den Münchener Neuesten Nachrichten und in der Neuen Freien Presse in Wien gedruckt wurde.

Als der Psychoanalytiker Heinrich Meng sich im Herbst 1927 mit einem Manifest an Zweig wandte, um Freud für den Nobelpreis vorzuschlagen, legte Zweig ihm eine umfangreiche Liste von weiteren möglichen Unterstützern vor. Er betonte dabei, dass die Preisvergabe in der wissenschaftlichen Kategorie, also auf dem Gebiet der Medizin und nicht für die literarische Arbeit anzustreben sei. Doch trotz zahlreicher prominenter Befürworter erhielt Freud den Nobelpreis weder in diesem noch in einem der folgenden Jahre.

Zu Irritationen in ihrem Verhältnis kam es, als Freud Ende 1929 bei einem Spaziergang in Wien zufällig ein Werbeplakat für einen Vortrag von Charles Maylan entdeckte, auf dem mit einem Zitat Zweigs geworben wurde. Maylan war der Verfasser des Buches Freuds tragischer Komplex. Eine Analyse der Psychoanalyse, in dem er sich deutlich gegen Freud und dessen Methoden aussprach – Freud selbst schrieb in einem Brief an Zweig, Maylan sei ein “bösartiger Narr” und ein “arischer Fanatiker” und fragte an, wie er Zweigs offensichtliche Unterstützung Maylans zu verstehen habe. In seinem Antwortschreiben gelang es Zweig nur mühsam, sich zu entschuldigen: Er räumte ein, dass er das Buch von Maylan erhalten, nur oberflächlich durchgesehen und sich in einem Brief bedankt habe, aus dem nun ohne sein Wissen zitiert worden sei.

Etwa zu dieser Zeit hatte Zweig mit der Arbeit an seinem Buch Die Heilung durch den Geist begonnen, das einen umfangreichen Essay über Freud enthalten sollte. Trotz ihrer inzwischen über 20 Jahre andauernden Bekanntschaft war Freud über diese Ankündigung wenig erfreut. Als er bald darauf Arnold Zweig in einem Brief versehentlich als “Doktor” betitelte und damit seine übliche Anrede für Stefan Zweig nutzte, führte er diese „Fehlleistung“ auf seine Unzufriedenheit über Stefan Zweigs angekündigten Text (und wohl auch auf seinen Ärger über das Werbeplakat für Maylan) zurück.

Die Ausarbeitung des Essay beschäftigte Zweig außergewöhnlich lange und intensiv, zumal er sich mit Personen aus Freuds Umfeld austauschte, um jeden inhaltlichen Fehler zu vermeiden. Ein frühes Fragment des 1931 erschienenen Textes hat sich im Nachlass seiner Salzburger Sekretärin Anna Meingast erhalten.

Als Zweig im Mai 1936 mit einem Artikel im Pester Lloyd zu Freuds 80. Geburtstag gratulierte, hatte er Österreich bereits verlassen und wohnte dauerhaft in London. Nach dem “Anschluss” Österreichs im März 1938 befand sich Freud dort in größter Gefahr vor dem Terror der Nationalsozialisten. Bis Anfang Juni gelang es Freunden und Unterstützern, seine Ausreise nach Großbritannien zu organisieren, wo er sich mit seiner Frau Martha und seiner Tochter Anna ebenfalls in London niederließ. Trotz seines Alters und seiner fortgeschrittenen Krebserkrankung empfing er Zweig regelmäßig in seinem Haus. In diesen Zeitraum fällt jener Besuch, bei dem Zweig den jungen Salvador Dalí mitbrachte, der bei dieser Gelegenheit eine Porträtzeichnung von Freud anfertigte.

Wenige Wochen nach Beginn des Zweiten Weltkriegs schrieb Zweig am 14. September 1939 an Freud: „Wir müssen jetzt fest bleiben – es wäre sinnlos zu sterben, ohne vorher die Höllenfahrt der Verbrecher gesehen zu haben.“ Es sollte sein letztes Schreiben an Freud sein, auf das er keine Antwort mehr erhielt. Zehn Tage später, am Morgen des 24. September 1939, hörte Zweig im Radio, dass Sigmund Freud in der vergangenen Nacht verstorben war. Am 26. September 1939 hielt er im Golders Green Crematorium in London eine Gedenkrede, in der er seine persönliche Verbundenheit mit dem Verstorbenen noch einmal hervorhob: „Wer ihn erlebt in diesen seinen letzten Jahren, war getröstet in einer Stunde vertrauten Gesprächs über den Widersinn und Wahnsinn unserer Welt, und oft habe ich mir in solchen Stunden gewünscht, sie seien auch jungen, werdenden Menschen mitgegönnt, damit sie in einer Zeit, wenn wir für die seelische Größe dieses Mannes nicht mehr werden zeugen können, noch stolz sagen könnten –: ich habe einen wahrhaft Weisen gesehen, ich habe Sigmund Freud gekannt.“

Erst am Morgen hatte sich Zweig, wie in seinem Tagebuch nachzulesen ist, Notizen für seine Ansprache gemacht. Es handelt sich dabei vermutlich um jene Blätter mit der Überschrift Worte am Sarge Siegmund[!] Freuds, die sich in seinem Nachlass in Salzburg und Fredonia erhalten haben.