„Lass uns bleiben, was wir sind, und immer noch stärker und aufrechter werden.“
STEFAN ZWEIGS BRIEFE AN FRANS MASEREEL
von Julia Rebecca Glunk
Im Frühjahr 2016 konnte das Literaturarchiv Salzburg 19 Postkarten und 44 Briefe von Stefan Zweig an den belgisch-flämischen Holzschneider und Maler Frans Masereel (1889-1972) ankaufen, die sich seit ihrem Verkauf auf einer Auktion in Paris im Jahr 1986 in Privatbesitz befunden hatten. Mit ihrem Ankauf konnte das LAS seine Sammlung um ein Hauptstück von Zweigs Briefwechsel mit einem seiner nächsten Freunde erweitern. Seit September 2024 sind sie auf Stefan Zweig digital frei zugänglich. Unsere langjährige Projektmitarbeiterin Julia Glunk hat die insgesamt 230 erhaltene Briefstücke umfassende Korrespondenz Zweig/Masereel im Rahmen ihrer Doktorarbeit an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg erstmals zusammengeführt, aus dem Französischen ins Deutsche übertragen, mithilfe weiterer relevanter, unveröffentlichter Quellen kontextualisiert und historisch-kritisch ediert. Im Folgenden präsentiert sie die bislang auf Stefan Zweig digital verfügbaren Digitalisate aus dem Briefwechsel im Kontext der Geschichte der Freundschaft.
Sämtliche hier zitierte Abbildungen entstammen, falls nicht anders vermerkt, dem digitalen Archiv der Frans Masereel-Stiftung (Saarbrücken), die zusammen mit der Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung (Zürich) die Weltrechte am Werk Frans Masereels hält, und werden hier mit deren freundlicher Genehmigung reproduziert. Für die Erlaubnis, die beiden Porträtfotografien von Zweig und Masereel aus dem Jahr 1940 zu reproduzieren, danke ich herzlich den Erben von Suse von Winternitz, für die Reproduktion des Masereel-Aquarells aus Zweigs Besitz ebenso herzlich Oliver Matuschek.
„Ginge alles zugrunde", so lautet einer der meistzitierten Sätze Stefan Zweigs über seinen Freund, den Künstler Frans Masereel, „und blieben nur die Holzschnitte erhalten, die er in zehn Jahren geschaffen hat, so könnte man aus ihnen allein unsere ganze gegenwärtige Welt rekonstruieren [...]." Der Aufsatz, in dem er Masereel ein derartiges Denkmal setzt – als einem Chronisten der modernen Zeit, als Erneuerer der mittelalterlichen Holzschneidekunst sowie als Mensch von seltener Aufrichtigkeit, Güte und Stärke – erscheint 1923, inmitten der deutschen Hyperinflation, als Teil einer allerersten, allerdings kaum bezahlbaren bebilderten Masereel-Monographie im Berliner Verlag des Dänen Axel Juncker. Ein Jahr später, 1924, bringt Masereels deutscher Verleger Kurt Wolff, der große Konkurrent von Zweigs Stammverlag, dem Insel-Verlag von Anton Kippenberg, dessen Holzschnittfolgen in günstigen, auflagenstarken ,Volksausgaben' in den Handel und besiegelt so etwas, das Zweig versucht und vorhergesehen hat, seit er Masereel sieben Jahre zuvor kennengelernt hatte: den Siegeszug seiner neuen Kunstform, der ersten Graphic Novels der Kunstgeschichte, durch die junge Weimarer Republik. „[F]ür Dich hätte Deutschland ein viel weiteres Feld als Frankreich", prophezeite er schon im Juli 1920 in einem seiner wenigen in deutscher Sprache diktierten Briefe an Masereel, „und ich glaube, Deine künstlerische Stellung würde hier viel besser und früher anerkannt werden." Dass dabei Masereels Holzschnittfolge L'Idée. Sa naissance – sa vie – sa mort (1920), die Lebensgeschichte einer personifizierten revolutionären Idee, die in der modernen Welt Verbreitung, Verfälschung und Verfolgung erfährt, sich letztlich jedoch als unsterblich erweist, deutet auch auf den Kern der fast 25jährigen engen Freundschaft, die ihre bislang nur teilweise veröffentlichten Briefe dokumentieren: den tiefen gemeinsamen Glauben an die letztendliche Erhabenheit des Geistigen über das Ungeistige und an die Kraft der Idee, des Ideals, so sehr sich seine Jünger auch in der Minderheit befinden mögen.
Kennenlernen in der Schweiz (1917)
Frans Masereel ist Belgier, aufgewachsen im flämischen Gent in einer gut situierten Familie aus der französisch sprechenden Bourgeoisie, als Sohn der musikalisch begabten Louise Lava, verwitwete Masereel, und Stiefsohn des Gynäkologen und Progressiven Louis Lava. Als 1914 die deutsche Armee im Land einfällt und der im sogenannten ,Schlieffen-Plan' vorgesehene Durchmarsch durch das neutrale Land nach Frankreich zur brutalen Invasion und Besetzung eskaliert, lebt der gerade 25-jährige Masereel schon seit vier Jahren nicht mehr in seinem Geburtsland, sondern hat seit 1911 versucht, sich in Paris ein Leben als unabhängiger Künstler aufzubauen. Da er sich insbesondere für die Möglichkeiten satirischer Tendenz- und Pressezeichnung interessiert und sich zudem für moderne Literatur, insbesondere der flämischen Naturalisten und Symbolisten, begeistert, hätten er und Zweig sich durchaus auch schon vor dem Krieg in der französischen Hauptstadt kennenlernen können; umso mehr, da einer der ersten Bekannten Masereels in Paris der französische Germanist Henri Guilbeaux ist, der ihn 1913, im selben Jahr, in dem er während dessen Paris-Aufenthalts im Frühjahr auch mehrere Male Zweig trifft, bereits bei Zweigs Freunden Émile Verhaeren und Léon Bazalgette eingeführt hat. Als Zweig schließlich im November 1917, im vierten Jahre des Krieges, per Beurlaubung vom passiven Militärdienst in die Schweiz kommt, wo der von ihm verehrte französische Literaturnobelpreisträger Romain Rolland drei Jahre zuvor den Impuls zur Bildung einer ganzen französischsprachigen Kolonie pazifistischer Literaten gegeben hat, ist der Zeichner Masereel bereits fester Bestandteil dieser Gruppe.
Masereel lebt in Genf zunächst recht prekär, hält sich neben seiner Tätigkeit als Zeichner für die pazifistische Zeitschrift demain von Guilbeaux, die illustrierte Beilage La Feuille zur Genfer Zeitung La Nation sowie zur von ihm selbst mit dem französischen Refraktär Jean Salives gegründeten Zeitschrift Les Tablettes mit diversen Nebenbeschäftigungen über Wasser und bewohnt mit seiner Frau, der Französin Pauline Imhoff, und deren 15-jähriger Tochter aus erster Ehe Paule Thomas einen kleinen Dachboden zur Untermiete. Diese Umstände mögen begründen, dass aus dem ersten Jahr ihrer Bekanntschaft keine Briefe von Zweig an Masereel erhalten geblieben sind. Masereels Gegenbriefe jedoch, die sich in einem Umfang von insgesamt 147 Briefstücken in Zweigs Nachlass erhalten haben, sowie Zweigs Tagebucheinträge aus den Tagen ihrer ersten Begegnungen dokumentieren deren Umstände gut:
Einen auffällig langen Tagebucheintrag widmet Zweig am 2. Dezember seinem ersten Besuch bei Masereel. Hier lernt er ihn, nachdem bereits eine große persönliche Sympathie zwischen ihnen besteht, nun erstmals auch als den Künstler und Beobachter kennen, als den er ihn dauerhaft schätzen wird: „Die Serie ,Les Villes'", schreibt er, „hundertfünfzig Schwarzweiß-Zeichnungen gehören zum Großartigsten, das ich jemals sah. Die ganze Stadt, aber wirklich die ganze mit ihrer ungeheuren Dynamik, ihrer Geschwindigkeit, ihrer gemeinen Geste in tausend Formen." Gleich am Tag darauf weist er seinen Verleger Anton Kippenberg in Leipzig auf Masereel als potenziellen Buchillustrator hin, woraus sich in den Folgemonaten Verhandlungen über zwei konkrete Aufträge und später auch ein persönlicher Briefwechsel zwischen Kippenberg und Masereel ergeben. Eine Woche später bringt Zweig Masereel bei dessen Gegenbesuch in Zürich mit dortigen Galeristen und Verlegern in Kontakt: Zwei Broschürendrucke, die Zweig 1918 im Max Rascher Verlag veröffentlicht – seine Übersetzung eines Aufsatzes von Rolland und ein eigenes Feuilleton über die Genfer Zentrale des IRK – erscheinen beide mit Tuschzeichnungen von Masereel. Und im September 1918 tritt er mit dem Kunsthistoriker Arthur Rössler in Wien bezüglich einer Publikation der von Masereel illustrierten Novelle Der Zwang in Rösslers neu gegründetem Avalun-Verlag in Verhandlungen ein. Sie erscheint schließlich 1920 als bibliophile Ausgabe im Insel-Verlag.
Das Ende des Ersten Weltkriegs und die dramatischen Ereignisse in der Schweiz, wo der Bundesrat in Befürchtung einer bolschewistischen Revolution die Armee gegen die streikende Bevölkerung mobilisiert, erleben Zweig und Masereel, der zum selben Zeitpunkt bei Zweig in Rüschlikon bei Zürich zu Besuch ist, gemeinsam. Die internationalen Nachrichten liest Zweig, insbesondere mit Blick auf den Zerfall Österreich-Ungarns und den allseitigen politischen Umbruch, mit Angst: „Ein Trost in diesen Tagen Masereel, der Klare, Reine, Gütige", schreibt er am 4. November 1918, einen Tag nach Schluss des Waffenstillstands von Villa Giusti, in sein Tagebuch: „Ich weiß, daß ich nur ganz wenige Menschen habe, die ich so sehr liebe wie ihn." Ähnliche Gefühle sprechen aus seiner ersten erhaltenen Postkarte an Masereel vom 26. November 1918, zehn Tage nach dessen Rückreise nach Genf: „Cher ami", heißt es dort, „la maison paraît delaissé sans toi", und wie unendlich hindernisreich und ungewiss ihm nun seine Rückkehr nach Österreich erscheine, und wie verrückt, wie verwirrend die Zeit, in der ,Revolutionäre Minister werden und Minister Revolutionäre'.
„Romane ohne Worte"
Die Geschichte eines Revolutionärs ist auch 25 Images de la Passion d'un Homme , die erste von Masereels Holzschnittserien, die eine eigenständige Erzählung ganz ohne Begleittext bilden. Zweig lernt sie Anfang Oktober bei einem Besuch in Genf kennen und ist voller Enthusiasmus. Seine Besprechung des Büchleins, das Masereel im Selbstverlag in einer Auflage von nur fünfzig Exemplaren herausgebracht hat, erscheint am 4. Dezember 1918 in der Basler National-Zeitung und ist nicht nur der erste von später insgesamt fünf Aufsätzen Zweigs über Masereel (unvollständig verzeichnet auf dem entsprechenden Registerblatt der zeitgenössischen Aufsatzablage). Zweig nimmt hier auch, unter dem Titel Ein Roman ohne Worte , die spätere Genrebezeichnung ,Graphic Novel' bereits gewissermaßen vorweg: „Aber er ist überhaupt nicht geschrieben, dieser Roman. Nicht Worte sind sein Mittel. In Holz geschnitten sind die fünfundzwanzig Episoden eines anonymen Menschenlebens von dem jungen Belgier Frans Masereel, in dem wir einen der stärksten Künstler unserer Epoche aus manchem Werk längst lieben und der hier sein Bestes gegeben."
Ermutigt sowohl von Zweig, in dessen Aufsatz er sich in seinem künstlerischen Ansatz zum ersten Mal ganz wiedererkannt fühlt, als auch von Romain Rolland, dem gemeinsamen Freund und Idol, geht Masereel in seinem nächsten Buch noch viel weiter: Mon Livre d'Heures („Mein Stundenbuch") ist eine autobiographisch beeinflusste Erzählung in 169 kleinformatigen Holzschnitten, die zwischen anekdotischen Episoden in fast filmischer Echtzeit und panoramahaften Stimmungsbildern changiert und so der Erfahrung eines ,Leseerlebnisses' noch ungleich näher kommt. Erneut kann Masereel nur knapp 200 Exemplare im Selbstverlag drucken – diese allerdings finden ihren Weg nicht nur nach Salzburg zu Stefan Zweig, wo dieser soeben seinen neuen Wohnsitz bezogen hat und auf das Buch mit überschwänglicher Begeisterung reagiert. Auch Rainer Maria Rilke, dessen eigenes Stundenbuch 1905 im Insel-Verlag erschienen ist, weist Anton Kippenberg mit Nachdruck auf das Potenzial einer deutschen Ausgabe des Masereel-Stundenbuches hin. Schneller ist allerdings Hans Mardersteig, der als Mitarbeiter von Kurt Wolff dem Verleger schon kurz nach Erscheinen der kleinen Privatausgabe die Rechte an einer deutschen, kommerziellen gesichert hat und den Weg dafür ebnet, dass alle vier ,Bilderromane', die Masereel 1919 und 1920 in Genf herausbringt, in den Jahren 1920-1924 exklusiv im Kurt Wolff Verlag in München erscheinen. Zweigs eigene wiederholte Versuche, Masereel in eine langfristige Arbeitsbeziehung mit dem Insel-Verlag zu bringen (vgl. seine Briefe von [Anfang November 1919] und [Ende November 1919]), scheitern letztlich daran, dass Kippenberg in seinem persönlichen Briefwechsel mit dem Künstler kein Vertrauensverhältnis aufbauen kann, das dem zwischen Masereel und Mardersteig bzw. Masereel und Wolff nahekommt.
Zweigs Briefe aus diesen Jahren zeigen bereits deutlich, was zeitlebens so bleiben wird: dass er den Künstler Masereel, der sich nach seinem Umzug nach Paris im Jahr 1922 verstärkt der Malerei zuwenden wird, hier, im Holzschnitt und im innovativen, autonomen Erzählen in Bildern, am Stärksten findet. „C'est le plus beau que tu as jamais produit, un poème saisissant, plein de force, incomparable dans toute l'art nouvelle", schreibt er ihm über L'Idée im Dezember 1920. „Tu est a un point de maîtrise ou je ne sais presque pas, comme tu puisses encore monter plus haut", im November 1920 über die von Friderike Zweig hingegen nicht sehr geschätzte Histoire sans paroles , eine Serie über das hartnäckige, erfolglose Werben eines Mannes um eine Frau und seinen plötzlichen Interessensverlust an ihr, als sie sich ihm zuwendet. Und selbst Un fait divers, eine kleine, in Deutschland nie nachgedruckte Folge aus acht Holzschnitten über die Verführung einer Frau und ihren Selbstmord, stößt im Juli 1920 auf Zweigs große Bewunderung („irgendwie flämisch in seiner Kühnheit, in seiner dämonischen Freiheit"). Die in Fait divers zentralen Themen des Missbrauchs, der Abtreibung und der gesellschaftlichen Ächtung von Frauen wird Masereel in Groteskfilm, einer Serie von Tuschzeichnungen, die er im selben Jahr im Umfeld eines Berlinaufenthaltes mit Carl und Thea Sternheim beim jungen Verleger Israel Ber Neumann veröffentlicht, noch weiter führen. Diese wird Zweig allerdings, ebenso wie Masereels andere, deutlich von der deutschen Neuen Sachlichkeit und seinem neu gewonnenen Freund George Grosz beeinflusste Arbeiten, in sein idealisiertes Bild des Künstlers Masereel als einem Barden der Moderne in der Tradition Walt Whitmans und Émile Verhaerens nie integrieren.
Pariser Jahre
Mit Masereels Umzug nach Paris im Frühjahr 1922 – kurz nach seinem ersten und einzigen Besuch bei Zweig in Salzburg – beginnt für die Freundschaft eine neue Phase regelmäßigerer persönlicher Treffen. Insbesondere wichtig erscheint dabei das Jahr 1924, in dem Zweig dreimal für jeweils längere Aufenthalte nach Paris kommt und mit dem Übersetzer Alzir Hella eine wichtige Arbeitsbeziehung anknüpft: Zwischen 1927 und 1929 wird dieser sieben seiner Bücher übersetzen und in den größten französischen Verlagshäusern platzieren; danach, bis 1939, erscheint jede von Zweigs Neuveröffentlichungen simultan in Hellas französischer Übersetzung. Das Porträt in Öl, das Masereel im Januar 1924 in Paris von Zweig malt – „Lieber Frans, merci de tout coeur, je me sens reconnu" –, zeigt den Schriftsteller folglich an einem entscheidenden Punkt kurz vor der für seine Zeit beispiellosen, bahnbrechenden Internationalisierung seines literarischen Erfolgs.
Dieselbe Begeisterung über die Metropole Paris im Modernisierungsschub, mit der Zweig im Januar 1924 seiner Frau Friderike vom strahlend schönen, ,welthaften' Paris vorschwärmt, findet sich auch in den farbigen Stadtaquarellen, die Masereel in dieser Periode schafft. Dass ihnen beiden jedoch auch eine große Ambivalenz dem gegenüber gemeinsam ist, offenbaren mehrere Briefe aus derselben Periode, in denen Zweig Masereel gesteht, die ,Vergnügungsmaschine Paris' dieses Mal sogar gerne wieder verlassen zu haben und seit einiger Zeit ein neues Bedürfnis in sich zu entdecken: „de devenir eremite, de m'enfoncer dans la foret du travail." Dabei sei Masereel, so schreibt er im Dezember 1924, einer der ganz wenigen, die seinen Wunsch nach Abkehr und Anonymität nachfühlen könnten. Zu den vermehrten einsamen Arbeitsreisen, die Zweig sich in den Folgejahren als Rückzug angewöhnt – nach Boulogne, nach Marseille, nach Dijon, nach Folkestone –, wird er Masereel nicht selten einladen.
„Bleiben, was wir sind"
„Restons ce que nous sommes et devenons encore plus forts et plus sincères", hatte Zweig an Masereel geschrieben, bevor er im Frühjahr 1919 nach anderthalbjährigem Aufenthalt die Schweiz verließ, und die Hoffnung angefügt, dass unter all den traurigen Erinnerungen an die schlimme Zeit dort diejenige an die Entstehung ihrer Freundschaft immer klar und rein hervorscheinen möge. In der Tat wird die gemeinsame Schlüsselerfahrung eines auf Kultur und Literatur basierten internationalen Freundeskreises, der sich gemeinsam gegen den Krieg zwischen den Nationen stellt, Masereels und Zweigs Freundschaft über fast 25 Jahre tragen, während sich der ursprüngliche ,Genfer Kreis' von 1917 so gut wie auflöst: Der streitbare Henri Guilbeaux ist, abgeschoben aus der Schweiz, pünktlich zur Gründung der Kommunistischen Internationale nach Moskau gegangen und wird sich 15 Jahre später, zurück in Frankreich, vor allem durch öffentliche Polemiken gegen die meisten alten Freunde hervortun. Pierre Jean Jouve, dessen Buch Romain Rolland vivant: 1914-1919 nach dem Krieg neben Zweigs Romain Rolland. Der Mann und das Werk vor allem zur Stilisierung Rollands als Inbegriff intellektueller Unabhängigkeit beiträgt, hat sich zu Anfang der 1920er Jahre über seiner Scheidung von seiner Frau, der Frauenrechtlerin Andrée Charpentier-Jouve, und seinem Verhältnis zur Psychoanalytikerin Blanche Reverchon erst mit Rolland, dann mit Masereel überworfen.
Romain Rolland selbst beginnt mit dem Jahr 1929, unter dem Einfluss seiner neuen russischen Lebensgefährtin Maria Kudaschewa (der späteren Marie Romain Rolland), den Sowjetkommunismus Stalins öffentlich als friedlich-freiheitlichen Gegenpol zu den faschistischen Bewegungen Westeuropas zu idealisieren. Hierauf werden sich zahlreiche der alten ,Rollandisten', wie etwa Marcel Martinet, von ihm abkehren. Dass „wir beinahe die letzten sind, die ganz und unverbrüchig zu seinem engeren Kreise gehören", schreibt Zweig im Juni 1931 an Masereel. Allerdings ignoriert er dabei, dass sich auch zwischen ihm, Rolland und Masereel bereits Differenzen abzeichnen, die sich im Laufe der 1930er Jahre manifestieren werden. (Die große Feier etwa, die Zweig im Jahr 1935 zu Ehren von Romain Rollands siebzigstem Geburtstag plant, wird schließlich vollkommen von der komintern-nahen Association des artistes et écrivains révolutionnaires und der Kommunistischen Partei Frankreichs gekapert werden.) Dass er 1931 während mehrerer Monate noch ernsthaft den Plan verfolgt, mit Masereel zusammen einen längeren Aufenthalt in der Sowjetunion zu unternehmen und dort gemeinsam einen illustrierten Reisebericht zu erarbeiten (vgl. seine Briefe an Masereel vom 13. Juni 1931, 1. August 1931 und 22. August 1931), erscheint vor diesem Hintergrund insbesondere interessant.
Zensur im Nationalsozialismus
Im Frühjahr 1931 fungiert Zweig zusammen mit Romain Rolland und Heinrich Mann als Jury für ein Preisausschreiben zur Ermittlung des besten Prosatextes zu einer von Masereels Holzschnitt-,Romanen', das Masereels neuer Verleger Wilhelm Regendanz (Transmare-Verlag) nach der Auflösung des Kurt Wolff Verlags veranstaltet und das der von Zweig geförderte junge Schriftsteller Walter Bauer für sich entscheiden wird. Im Januar 1932 illustriert Masereel auf Zweigs Bitte hin ein Interview, das der Journalist Frédéric Lefèvre mit ihm über die ,Rolle des Intellektuellen in der gegenwärtigen Krise' in der Pariser Zeitschrift Les Nouvelles littéraires veröffentlicht, mit einer Porträt-Tuschzeichnung. Da Masereel durch die Wirtschaftskrise immer weniger Gemälde verkauft, wiegt für ihn besonders schwer, dass sich der Transmare-Verlag innerhalb kurzer Zeit als wenig verlässlicher Partner für Deutschland erweist. Auf Masereels Bitte hin versucht Zweig, seinen eigenen Verleger Anton Kippenberg von einer Übernahme der Rechte am gesamten druckgraphischen Werk Masereels zu überzeugen, was Kippenberg in dieser umfassenden Form allerdings strikt ablehnt. Eventuell denkt Zweig dennoch, ihn später noch umstimmen zu können: An Masereel schreibt er im Januar 1933, wobei er die entsprechende Stelle im diktierten Brief noch handschriftlich redigiert: "Mit Kippenberg habe ich gesprochen, er möchte leidenschaftlich gern (und will sich deshalb mit dem Transmare-Verlag ins Einvernehmen setzen) zur Einführung eine Deiner früheren Sachen, etwa ,Idee' in der Inselbücherei zu 80 Pfennig bringen, und ferner Deine neuen Bücher." Immerhin: Im April 1933 bringt der Insel-Verlag, während zur selben Zeit bereits Arbeiten von Masereel in der nationalsozialistischen Propaganda-Ausstellung Kulturbolschewistische Bilder gezeigt werden, noch einmal eine Neuauflage der ,Geschichte ohne Worte' heraus, die sogar 1935 wegen ihres durchschlagenden Erfolgs, noch ein zweites Mal mit 5.000 Exemplaren neu aufgelegt wird. Ein Jahr später, 1936, werden die Werke von beiden, Zweig und Masereel, in Deutschland endgültig verboten.
Seinen eigenen Bruch mit dem Insel-Verlag, der in Wahrheit kompliziert und langwierig ist, stellt Zweig Masereel im Oktober 1933 etwas rigoroser dar, als er wirklich ist. Während Zweig sich damit schwer tut, sich oppositionellen Emigrantenkreisen anzuschließen, arbeitet Masereel in Paris sehr früh mit der deutschen politischen Emigration zusammen und engagiert sich unter anderem auch in Initiativen der KPD im Exil. Dass sich hierüber in diesen Jahren keine tiefe Entfremdung ergibt oder eine solche jedenfalls nicht zum Tragen kommt, erklärt sich wohl teils auch damit, dass Masereel sich von Zweig, der mittlerweile in London lebt – und damit näher an Paris denn je –, auch Hilfe dabei erhofft, auf dem englischen Kunstmarkt Fuß fassen zu können. Mit seiner Bereitschaft, ein Vorwort zum Katalog der ersten englischen Masereel-Einzelausstellung zu schreiben („Natürlich schreibe ich mit grösster Freude die kleine Vorrede"), ebnet er hierfür einen ersten Weg. Gleichzeitig versucht er, zusammen mit Masereels Mäzen Georg Reinhart in Winterthur und Masereels Verleger Wilhelm Regendanz, der nach dem Röhm-Putsch ebenfalls nach London geflohen ist, in der englischen Hauptstadt einen Mikroverlag für die Neuherausgabe von Masereels Holzschnittfolgen aus den 1920er Jahren zu gründen – ein Plan, der allerdings keine Früchte trägt.
„Wir haben nicht das Recht, zu schweigen"
Ein Appell, den Masereel kurz vor Kriegsausbruch noch in einer deutschen Emigrantenzeitschrift veröffentlicht, heißt An meine Freunde, die Künstler! und beinhaltet das entschiedene Postulat „Wir haben nicht das Recht, zu schweigen, noch indifferent zu sein gegenüber dem, was rings um uns geschieht". Erstaunlich ähnlich liest sich der Titel der Ansprache, die Zweig bei seinem letzten Aufenthalt in Paris, kurz vor seiner letzten persönlichen Begegnung mit Masereel, für Radio Paris liest: Pour ceux qui ne peuvent pas parler : „Für jene, die nicht sprechen können". Mit der kurzen Notiz, in der er Masereel den Zeitpunkt der Radioübertragung mitteilt, schickt er ihm zugleich zwei Eintrittskarten für ihn und seine Frau Pauline für den Vortrag La Vienne d'hier , „Das Wien von gestern", den er am Abend des 26. April 1940 im Théâtre Marigny vor 1.600 Zuhörerinnen und Zuhörern hält. Nur vierzehn Tage später startet die deutsche Wehrmacht ihren Blitzkrieg gegen Belgien, die Niederlande, Luxemburg und Frankreich, und während Stefan Zweig und seine zweite Frau Lotte, frisch verheiratet, im Juni 1940 in England das Schiff nach New York besteigen, fliehen Frans und Pauline Masereel innerhalb einer Massenkolonne von Flüchtlingen und Soldaten im Rückzug zu Fuß aus Paris, 450 Kilometer nach Südfrankreich, in die freie Zone. Über Umwege – „un détour via New York", wie er schreibt – erfährt Stefan Zweig im November 1940, fünf Monate später, vom Aufenthaltsort der Masereels in Avignon und bietet seine Hilfe bei der Ausreise aus Europa an.
Über den gemeinsamen Freund Hermann Kesten, der sich, selbst ausgewandert, in den USA für die Ausreise verfolgter Intellektueller aus Europa engagiert, bleibt Stefan Zweig auf dem Laufenden über die Schwierigkeiten, die sich aus Masereels Antrag auf ein Emergency Rescue Visum ergeben. Mithilfe seiner Beziehungen zum Schriftsteller und kolumbianischen Botschafter in Argentinien Germán Arciniegas und der Kontakte des nach Argentinien ausgewanderten Masereel-Sammlers Walter Engel zum belgischen Diplomaten René Louis van Meerbeke gelingt es jedoch, für Masereel ein Visum nach Kolumbien zu beschaffen. Da Zweigs Briefe bei Masereel – und Masereels Briefe bei Zweig – vermutlich mit einer Verspätung von mehreren Monaten eingehen und nach Zweigs Abreise aus England nach Amerika keine Gegenbriefe von Masereel mehr erhalten sind, ist nicht klar, ob Zweig nochmals von seinem Freund gehört hat, als er sich im Februar 1942 das Leben nimmt. Sein letzter Brief an Masereel datiert vom 15. August 1941. Das Visum für Lateinamerika haben Frans und Pauline Masereel nicht in Anspruch genommen.
Die Dissertation Stefan Zweig und Frans Masereel. Geschichte ihrer Freundschaft in Briefen und Dokumenten 1917-1942 wurde im Dezember 2025 an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau als Promotionsschrift eingereicht und soll 2026 in der Schriftenreihe Klassische Moderne im Nomos Verlag, Baden-Baden erscheinen.
Literatur (Auswahl)
Von Julia Rebecca Glunk:
- Mit Joris van Parys: Eiland in de storm. Frans Masereel, Stefan Zweig en Zwitserland in de oorlogsjaren 1917-1918. in: Gent/Amsab-ISG: Brood & Rozen, 2025(3). S. 34-51.
- „Jedenfalls lassen Sie sich diesen wundervollen Menschen nicht entgehen". Stefan Zweig, Frans Masereel und Anton Kippenberg. in: Stefan Zweig. Biographie, Politik, Medien. Hrsg. von Clemens Woldan, Würzburg: Königshausen & Neumann, 2024. (Schriftenreihe des Stefan Zweig Zentrum, Bd. 21) S. 85–109.
- Nous, les Rollandistes. Stefan Zweig, Frans Masereel et l'héritage genevois. In: Études Romain Rolland, Cahiers de Brèves, Bd. 50, Brèves: Association Romain Rolland, Januar 2023. S. 23–32.
- „Wir Rollandisten" – Stefan Zweig, Frans Masereel und das Genfer Erbe. In: Marina Ortrud Hertrampf (Hrsg.): Frieden! Pazifistische Gedanken im Umfeld von Romain Rolland, München: AVM Verlag, 2022. (Romain Rolland Studien, Bd. 1) S. 39–56. https://www.avm-verlag.de/?listview&reihe=RH-RRS
- „Es wird noch heftige Gewitter geben." Frans Masereel und die Friedensbewegung nach 1918. In: Idée de paix – Idee des Friedens – Idea of Peace. Frans Masereel. (Katalog zur gleichnamigen Ausstellung von 24. Februar 2022 bis 14. August 2022), Musée National de la Résistance et des Droits Humains: Esch-sur-Alzette, 2022. S. 218–243.
Primäre Quellen:
- Pierre Vorms: Gespräche mit Frans Masereel, Dresden: Verlag der Kunst, 1967.
- Friderike Maria Zweig: Spiegelungen des Lebens, Wien/Stuttgart/Zürich: Hans Deutsch, 1964.
- Stefan Zweig: Briefe. 1914–1919 (Bd. 2), 1920–1931 (Bd. 3), 1932–1942 (Bd. 4). Hrsg. von Knut Beck, Jeffrey B. Berlin und Natascha Weschenbach-Feggeler, Frankfurt a. M.: S. Fischer, 1998–2005.
- Stefan Zweig: Briefe an Freunde. Hrsg. von Richard Friedenthal, Frankfurt a. M.: S. Fischer, 1978.
- Stefan Zweig: Die Welt von gestern. Hrsg. und kommentiert von Oliver Matuschek, Frankfurt a.M.: S. Fischer, 2017.
- Stefan Zweig: Frans Masereel. Der Mann und Bildner (1923). In: Das Geheimnis des künstlerischen Schaffens. Hrsg. von Knut Beck, Frankfurt a. M.: S. Fischer, 1984. S. 217–228.
- Stefan Zweig: „Ich wünschte, dass ich Ihnen ein wenig fehlte". Briefe an Lotte Zweig 1934–1940. Hrsg. von Oliver Matuschek, Frankfurt a. M.: S. Fischer, 2013.
- Stefan Zweig: Tagebücher, Frankfurt a. M.: S. Fischer, 1984. (Gesammelte Werke in Einzelbänden)
- Stefan Zweig/Anton Kippenberg: Briefwechsel 1905–1937. Ausgewählt von Oliver Matuschek und Klemens Renoldner. Hrsg. und kommentiert von Oliver Matuschek unter Mitwirkung von Klemens Renoldner, Berlin: Insel Verlag, 2022.
- Stefan Zweig/Romain Rolland: Correspondance 1910–1919 (Bd. 1), 1920–1927 (Bd. 2), 1928–1940 (Bd. 3). Édition établie, présentée et annotée par Jean-Yves Brancy, Bd. 1, Paris: Albin Michel, 2014–2016.
- Stefan Zweig/Romain Rolland: Briefwechsel 1910–1923 (Bd. 1), 1924–1940 (Bd. 2). Hrsg. von Waltraud Schwarze, Bd. 1, Berlin: Rütten & Loening, 1987.
Sekundärliteratur:
- David A. Beronä: Wordless Books. The Original Graphic Novels, New York: Abrams Books, 2008.
- Susanne Buchinger: Stefan Zweig – Schriftsteller und literarischer Agent. Die Beziehungen zu seinen deutschsprachigen Verlegern (1901–1942), Frankfurt a. M.: S. Fischer, 1998. (Archiv für Geschichte des Buchwesens, Studien I)
- Samuel Dégardin/Tatiana Trankvillitskaia: Frans Masereel. Voyage au pays des Soviets, Gent: Snoeck, 2022.
- Gertrud Fiege (Hrsg.): „Von Schwarz zu Weiß". Frans Masereel im literarischen Deutschland, Deutsches Literaturarchiv Marbach: Marbacher Magazin Nr. 31, 1984.
- Oliver Matuschek: Stefan Zweig. Drei Leben. Eine Biographie, Frankfurt a. M.: S. Fischer, 2006.
- Serge Niémetz: Stefan Zweig. Le Voyageur et ses mondes. Biographie, Paris: Belfond, 1996.
- Joris van Parys: Masereel. Eine Biographie. Aus dem Niederländischen von Siegfried Theissen, Zürich: Edition 8, 1999.
- Joris van Parys: The 'Silent Novels' of Frans Masereel: Godfather of the American Graphic Novel. Übersetzt von Astrid Vandendaele. in: The Low Countries, Rekkem/Den Haag, 2019. https://www.the-low-countries.com/article/the-silent-novels-of-frans-masereel-godfather-of-the-american-graphic-novel
- Donald A. Prater: Stefan Zweig. Das Leben eines Ungeduldigen. Aus dem Englischen von Annelie Hohenemser, München/Wien: Carl Hanser, 1981.
- Paul Ritter: Frans Masereel. Eine annotierte Bibliographie, München/London/New York/Paris: K. G. Saur, 1992.
- Pierre Vorms: Masereel. Catalogue raisonné, Antwerpen: Mercatorfonds, 1976.